AM im Amateurfunk: Klassiker mit starkem Charakter statt nur „alte Technik“
Später Abend auf 80 Meter. Du drehst über das Band – überall typische SSB-Stimmen, kurz, funktional und manchmal etwas hektisch. Dann ein anderes Signal: breit, warm, fast rundfunkähnlich. Die Stimmen wirken entspannter, die Runde läuft seit Stunden. Genau solche Momente zeigen, warum die Amplitudenmodulation (AM) im Amateurfunk auch heute noch fasziniert.
AM war die erste Sprachbetriebsart vieler Funkamateure. Sie ist nicht effizient, nicht modern und sicher nicht die dominierende Betriebsart unserer Zeit. Aber sie hat Charme, Klang und eine kleine, leidenschaftliche Szene – und technisch ist sie erstaunlich anschaulich.
Inhaltsverzeichnis
1. Was ist AM eigentlich?
AM steht für Amplitudenmodulation. Dabei wird die Amplitude eines Hochfrequenzträgers proportional zum Audiosignal verändert – etwa zu deiner Stimme. Dadurch entstehen im Spektrum ein Träger und zwei Seitenbänder.
Im Amateurfunk wird klassische Sprach-AM mit dem Emissionscode A3E bezeichnet.
Das Prinzip ist seit über 100 Jahren im Einsatz – zuerst im Rundfunk, später im Amateurfunk. Für Funkamateure hat AM einen besonderen pädagogischen Wert: Das Modulationsprinzip ist direkt sichtbar und gut verständlich, vor allem über SDR oder Oszilloskop.
2. Ein Blick zurück: AM als Standard der Frühzeit
In den Anfangsjahren des Amateurfunks war AM die dominierende Sprachbetriebsart. Röhrengeräte mit Hochpegelmodulation, große Modulationstrafos und reichlich Selbstbau waren an der Tagesordnung.
Ab den 1950er- und 1960er-Jahren setzte sich SSB (J3E) durch. Der Grund war einfach:
- geringere Bandbreite
- bessere Ausnutzung der Sendeleistung
- weniger Störanfälligkeit
- mehr QSOs pro Bandbereich möglich
Mit dem Aufstieg von SSB wurde AM zur Nische, verschwand aber nie komplett. Selbst in den 1990ern begegnete man treuen AM-Runden auf 160 m und 80 m.
In den 2000ern bis heute folgten neue Impulse:
- SDR-Technik machte Spektren sichtbar
- historische Geräte wurden restauriert
- AM-Events entstanden
- technische Nostalgie gewann an Bedeutung
Konkrete Nutzungszahlen gibt es nicht; Aussagen über eine „Renaissance“ basieren auf Beobachtungen in Fachmedien, Veranstaltungen und Clubaktivitäten. Diese Information konnte nicht abschließend verifiziert werden.
3. Das technische Prinzip – verständlich erklärt
Ein einfaches Beispiel:
Angenommen, wir senden auf 3,700 MHz. Ohne Modulation zeigt das Spektrum einen schmalen Träger. Sprichst du ins Mikrofon, entsteht ein Audiosignal, beispielsweise zwischen 300 Hz und 3 kHz. Dieses Signal moduliert den Träger in der Amplitude.
Ergebnis:
| Anteil | Funktion |
|---|---|
| Träger | liefert Referenz, keine Information |
| USB | enthält Sprachinformation |
| LSB | enthält Sprachinformation |
Bei 100 % Modulation folgt die Hüllkurve exakt dem Audiosignal. Bei Übermodulation treten Verzerrungen und Nebenprodukte auf.
Für den praktischen Funkbetrieb bedeutet das:
- zu wenig Modulation → leise, schlecht verständlich
- zu viel Modulation → breit, verzerrt und störend
AM ist einer der ältesten, aber zugleich anschaulichsten Wege, um Modulationsprinzipien zu begreifen – ideal für Ausbildung und Demonstration.
4. Bandbreite, Emissionsarten und Regulierung
Klassische Sprach-AM (A3E) benötigt im Amateurfunk typischerweise etwa 6 kHz Bandbreite. Schmalbandigere Varianten liegen bei 3–4 kHz, werden aber seltener genutzt.
Zum Vergleich:
| Betriebsart | Typische Bandbreite |
|---|---|
| AM (A3E) | ~6 kHz |
| SSB (J3E) | ~2,4–2,7 kHz |
| FM (NBFM, 12,5 kHz Raster) | ~10–12 kHz |
Relevant im Amateurfunk sind außerdem folgende Emissionscodes:
- A3E – klassische AM, Doppel-Seitenband
- H3E – einseitiges Seitenband + Träger
- J3E – SSB suppressed carrier
- A3J – DSB suppressed carrier
Regulatorischer Rahmen in DL und EU:
AM ist zulässig, solange Frequenzzuweisungen und Leistungsvorgaben eingehalten werden. Grundlage bilden u. a.:
- Amateurfunkgesetz (AFuG)
- Amateurfunkverordnung (AFuV)
- Frequenzzuweisungen der BNetzA
- IARU-Bandpläne (Empfehlungscharakter)
Bandpläne sind dabei keine Gesetze, sondern Koordinierungsinstrumente.
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5. Vor- und Nachteile im Amateurfunk
Vorteile
- angenehmes Klangbild – oft als „rundfunkähnlich“ beschrieben
- anschaulich & didaktisch – ideal zur Ausbildung
- kompatibel – mit Rundfunk- und SDR-Systemen empfangbar
- kulturell spannend – historische Geräte & Community
Nachteile
- ineffizient – viel Leistung im trägertragenden Anteil ohne Nutzinformation
- breitbandiger – 6 kHz vs. 2,7 kHz bei SSB
- störanfällig – da Amplitudenänderungen direkt übertragen werden
- technisch anspruchsvoll – sauberes Audio & Modulationsgrad erforderlich
Viele Nachteile erklären die Ablösung durch SSB, FM und digitale Modi.
6. AM heute: Szene, Events und Betrieb
AM findet man heute in mehreren typischen Bereichen:
- AM-Runden auf 160 m, 80 m, 40 m
- Vintage-Szene mit Röhrengeräten
- SDR-Demonstrationen
- Technikhistorische Präsentationen
- AM-Events & Rallys
Konkrete Frequenzen unterscheiden sich regional. AM-Runden sind oft informell organisiert, meist im oberen Telefonie-Bereich der klassischen KW-Bänder. Eine globale Übersicht gibt es nicht; diese Information konnte nicht abschließend verifiziert werden.
7. Geräte & Technik: Röhren, Allmode und SDR
Geräte lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:
Röhrengeräte / Vintage
Merkmale:
- Hochpegelmodulation
- massive Modulationstrafos
- warmes Klangbild
- hohe Sammler- und Bastelrelevanz
Allmode-Transceiver (70er–2000)
- häufig eingeschränkte AM-Sendequalität
- AM-Empfang oft vorhanden
- Modulation & Leistungskette teils kompromissbehaftet
SDR & moderne DSP-Geräte
- saubere Filter
- sichtbares Spektrum & Wasserfall
- bessere Kontrolle von Modulation & Verzerrungen
- typische AM-Leistung oft reduziert (z. B. ca. 25 W Träger bei 100 W SSB PEP)
SDR ermöglicht erstmals die Live-Analyse der eigenen Hüllkurve – ein idealer Einstieg in AM-Technik.
8. Praxisteil: So gelingt dein erstes AM-QSO
AM lebt nicht nur von Technik – sondern auch von Betriebskultur.
Schritt 1 – Gerät & Einstellungen
- Leistung deutlich reduzieren
- Mic-Gain moderat, kein Volllimit im ALC
- Kompressor sparsam
- Filter großzügiger als bei SSB
Schritt 2 – Frequenzwahl
Geeignet sind besonders:
- 160 m
- 80 m
- 40 m
Jeweils im Telefonie-Bereich.
Schritt 3 – Audio & Sauberkeit
Kontrollwerkzeuge:
- Spektrum (SDR/WebSDR)
- Wasserfall
- lokale Rückmeldung
Achte auf:
| Parameter | Bedeutung |
|---|---|
| Symmetrie | sauberer AM-Aufbau |
| Modulationsgrad | ausreichend, aber ohne Verzerrung |
| Bandbreite | ideal ≤ 6 kHz |
| Oberwellen | vermeiden |
Schritt 4 – Betriebskultur
AM-QSOs sind oft:
- länger
- ruhiger
- technischer
- erzählerischer
Ideal für Austausch über:
- Selbstbau
- Historik
- Röhrengeräte
- Restaurierung
- SDR-Experimente
9. Fazit
AM ist keine moderne Hochleistungsbetriebsart – aber ein Stück Amateurfunkkultur. Die Kombination aus Klang, Technik, Ausbildung und Community macht AM zu einer überraschend zeitlosen Spielwiese.
Wer AM ausprobiert, lernt viel über Modulation, Audio, Spektrum und Betrieb. Und vielleicht versteht man dann, warum manche OMs sagen:
„AM ist nicht effizient, aber es klingt nach Amateurfunk.“
10. FAQ (kompakt & praxisnah)
Ist AM im Amateurfunk erlaubt?
Ja, solange Frequenzzuweisungen und Leistungsvorgaben eingehalten werden.
Wie viel Bandbreite benötigt AM?
Typisch etwa 6 kHz. Schmalbandige Varianten möglich.
Wo findet man AM heute?
Vor allem auf 160 m, 80 m und 40 m; AM-Runden sind informell organisiert.
Brauche ich spezielle Geräte?
Nein. SDR, Röhrengeräte oder Allmode-Transceiver funktionieren.
Warum klingt AM anders als SSB?
Weil beide Seitenbänder übertragen werden und das Klangbild „voller“ wirkt.



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